Michaela Selinger

12. Februar 2011

Interview – Im Singen zu sich selbst gefunden

Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof im oberösterreichischen Hausruckviertel. Dass es Michaela Selinger trotzdem zur Musik verschlug, verdankt sie indirekt ihrem Vater. „Mein Papa hat eine schöne Tenorstimme und singt im Kirchenchor des öfteren auch Soli. Bei uns daheim stand daher ein altes Klavier herum, ein richtiger alter Scherben, auf dem ich und meine Geschwister ersten Unterricht erhielten.“ Ihrem Musiklehrer fiel Michaela Selingers Talent zum Blattsingen auf und er überredete die Eltern, ihre Tochter aufs Musikgymnaisum nach Linz zu schicken. „Dort habe ich im Chor von Balduin Sulzer mitgewirkt“, erzählt sie. „Die großen Sachen, die Passionen, das Brahms-Requiem oder die Carminia burana hat meistens Franz Welser-Möst dirigiert, der sein Schüler gewesen ist.“ Dabei hat Michaela Selinger etwas für sie sehr Wichtiges entdeckt: „Ich habe mich beim Singen gefunden. In der Musik, im Gesang war ich ganz bei mir selber.“

 

Lied und Oper. Also ging sie nach der Matura nach Wien, um an der Musikuniversität Gesang zu studieren. Dort aber war sie alles andere als glücklich: „Ich fühlte mich gehemmt, einerseits durch die vielen großen Stimmen aus dem Osten, andererseits durch die Last der Tradition. Ich mußte weg!“ Basel war ihre nächste Station, wo sie bei dem berühmten Gesangspädagogen Kurt Widmer Unterricht nahm. Und ihm verdankt sie Entscheidendes: „Er lehrte mich, wie man den Zugang zu einer Sache findet und wie man Vertrauen in die eigene Musikalität und Phantasie gewinnt.“ In Basel war es auch, wo Michaela Selinger nicht nur ihre Leidenschaft für zeitgenössische Musik entdeckte, sondern erstmals auch mit der Oper in Berührung kam. „Ich habe in einer Barockoper eine Hosenrolle gesungen. Da hat es richtig gefunkt.“
 
Lied und Oper sind seither die zwei Säulen, um die sich ihre Aktivitäten gleichberechtigt ranken. Wichtige Bühnenerfahrungen konnte sie zunächst im Ensemble des Innsbrucker Landestheaters machen, als Gast aber auch in Klagenfurt, wo Staatsopern-Direktor Ioan Holender sie als Polina in Pique Dame hörte und sie zum Vorsingen einlud. „In Klagenfurt habe ich mich bei Polinas Lied selbst am Klavier begleitet. Als ich beim Vorsingen in Wien ebenfalls diese Nummer singen sollte und auf den Flügel zuschritt, meinte Herr Holender: ‘Bei uns müssen Sie aber nicht selber Klavier spielen.’ ‘Ich kann es aber nur so’, gab ich zur Antwort.“
 
Seit September 2005 gehört Michaela Selinger dem Ensemble der Wiener Staatsoper an, wo sie dank ihrer stimmlichen und darstellerischen Qualitäten schon mehrmals auf sich aufmerksam machen konnte, zuletzt etwa als jugendliche Magdalena in Wagners Meistersinger von Nürnberg unter Christian Thielemann. „Das hat mir sehr viel Freude gemacht. In dieser Partie steckt enorm viel Humor drin.“ Neue Rolle. Im Ensemble der Wiener Staatsoper fühlt sich Michaela Selinger bestens aufgehoben. Rosina, Orlofsky, Cherubino und Idamante hat sie bereits gesungen, ihre Traumpartie, die Charlotte in Werther, wird sie in Wien zumindest covern, der Octavian, den sie unmittelbar nach der Wiener Meistersinger-Serie in Braunschweig erstmals verkörperte, kommt früher oder später sicher auch dran. Und eine andere große Aufgabe steht unmittelbar bevor: Am 27. März wird sie ihr Rollendebüt als Komponist in Strauss’ Ariadne auf Naxos geben. „Ich habe großen Respekt, nicht nur vor der Rolle, sondern auch vor dem Platz, an dem es stattfindet. Denn in Wien haben diese Partie fast alle großen Sängerinnen gesungen.“ Sie hat sich jedenfalls gründlich vorbereitet und dabei ganz hineinversetzt in dieses junge Genie, dessen Ideale an der Wirklichkeit zu zerbechen drohen. „Er ist sich selber ausgeliefert“, meint Michaela Selinger. „Er spürt Dinge, die er sich nicht erklären kann und die ihn daher auch überfordern. Das darzustellen ist ein große Herausforderung!“
 
Vom Hausruckviertel aus die Wiener Staatsoper zu erobern ist schon einen tolle Sache. Da ist der Papa sicher mächtig stolz auf sie? „Freilich“, antwortet Michaela Selinger. „Aber derzeit ist er mit sich selber beschäftigt. Den Hof hat er mittlerweile meinem Bruder übergegeben, nimmt aber jetzt Gesangsstunden und hat neulich seinen ersten Schubert-Liederabend absolviert – mit 68 Jahren! Ich bin wirklich stolz auf ihn!“