Michaela Selinger

19. April 2009

Interview – Der Glanz der Natürlichkeit

MUSIKVEREIN April 2009

Michaela Selinger auf der „Lied.Bühne“

„Agenore? T’arresta. Odi …“ – „Höre …“, und das Musikvereinspublikum horchte auf, als sich Michaela Selinger Ende November 2006 mit diesen Worten bei der Gesellschaft der Musikfreunde vorstellte – als Tamiri in Mozarts „Il re pastore“. Nur wenige Tage nach ihrem Debüt sang sie unter Riccardo Muti erneut im Goldenen Saal, im April gibt sie nun ihren ersten Liederabend in der gemeinsamen Konzertreihe von Staatsoper und Musikverein im Gläsernen Saal.
Erfrischend natürlich ist ihre Erscheinung, und ebenso natürlich kam sie zur Musik. Michaela Selinger, einer bäuerlichen Familie entstammend, wie sie selbst sagt, hat „diesen ganzen Hintergrund mit Kirchenchor und so“ – ihre heimatliche Dorfgemeinde in Oberösterreich zählt gerade einmal 600 Einwohner. Erkannt und gefördert wurde das Talent vorerst vom Klavier- und dem Musiklehrer in der Schule, die ihr den Besuch des Musikgymnasiums nahelegten. So kam sie nach Linz und studierte dort während der fünfjährigen Schulzeit am Konservatorium Klavier und Oboe. „In dieser Zeit habe ich auch viel im Chor gesungen, den seinerzeit Franz Welser-Möst auf seinen Höhenflügen mitgenommen hat“, erinnert sie sich sichtlich begeistert. Seinerzeit, das war in den 90er-Jahren, als der heutige Stardirigent Musikdirektor beim London Philharmonic Orchestra und beim Symphonieorchester Norrköping in Schweden war. „Wir waren immer unterwegs, auch mit Kurt Eichhorn und anderen Dirigenten, und haben das Oratorienrepertoire rauf- und runtergesungen.“

Prägende Erlebnisse

Damals hat sie Feuer gefangen für den Gesang, erlebte Bernarda Fink, Marjana Lipovsek und Kurt Azesberger im „Weihnachtsoratorium“ – und Robert Holl, ihren späteren Lehrer. „Das waren so prägende Erlebnisse, daß ich gedacht habe: Das möchte ich auch machen, ich möchte auch gern Konzertsängerin sein.“ Ihr Weg führte sie über die Liedklasse von Walter Berry und Robert Holl an der Wiener Musikuniversität bald an die Musikakademie in Basel, wo sie bei Kurt Widmer das Solistendiplom erlangte. „In der Schweiz habe ich im Grunde von Oratorien gelebt und bin dann auf einem kleinen Umweg zur Oper gekommen. Aber eigentlich komme ich von Lied und Oratorium.“ Ihre erste große Opernpartie sang Michaela Selinger an einem kleinen Theater in Basel. Darauf folgten in den Jahren 2004 und 2005 die besser bekannten Stationen ihrer kontinuierlichen Karriere: Blumenmädchen in Genf, Floßhilde beim Brucknerfest in Linz, Dorabella und Paulina in Klagenfurt, Cherubino und Massenets Chérubin in Innsbruck und Artemisia in Strauß’ „Der lustige Krieg“ bei den Bregenzer Festspielen. Zurück in Österreich also – und dann das Engagement an die Wiener Staatsoper. Wie es dazu kam?

Das Lied der Glücklichen

„Herr Direktor Holender hat mich 2005 in Klagenfurt als Paulina in Tschaikowskijs ,Pique Dame‘ gehört“, erzählt Michaela Selinger. „Ich bin am Klavier gesessen und habe das Lied der Paulina selbst begleitet. Das dürfte ihm imponiert haben.“ Dies und wohl auch ihr schöner Mezzosopran – sie wurde zum Vorsingen auf der Staatsopernbühne nach Wien eingeladen und mit der Saison 2005/06 ins Ensemble aufgenommen. Los ging es für die junge Künstlerin gleich mit der Saisoneröffnung am 1. September als Zweite Dame in der „Zauberflöte“, einer Partie, die sie für eine erkrankte Kollegin kurzfristig übernommen und zuvor auf der Bühne noch nie ganz gesungen hatte. Ein Debüt in jeder Hinsicht – und, wie Michaela Selinger mit erstaunlicher Gelassenheit hinzufügt, „es ging eigentlich die ganze Saison so weiter“, mit Rollen wie Mercédès (Carmen), Dryade (Ariadne auf Naxos), Wellgunde (Das Rheingold, Götterdämmerung), Enriquetta (I puritani), aber dafür z.B. Stephano in Romeo et Giuliette). Wie kommt sie damit zurecht?

Gelernte Gelassenheit

„Man stellt sich darauf ein, lernt es, gelassen zu sein“, sagt sie. Hilfreich war die nette Aufnahme und Unterstützung durch die Kollegen im Ensemble, gerade auch damals, am 1. September. „Es haben an diesem Abend viele Ensemblemitglieder gesungen, und so war es ein sehr schönes Ankommen an der Staatsoper. Gleich mittendrin, gleich dabei.“ Seither ist Michaela Selinger mit vielen großen Künstlern auf der Bühne gestanden, doch „daran ist man ja gewöhnt, wenn man an der Staatsoper singt. Und da merkt man, daß es ein schwerer Beruf ist und daß er für alle schwer ist, egal wie man heißt.“ Von den berühmten Kollegen profitieren zu können oder gar Tips zu erhalten, das ist etwas, das sie als die Jüngere, noch Unerfahrenere gar nicht hoch genug schätzen kann, wie sie meint. „Es ist sehr schön, wenn ein Renato Bruson kommt und sagt: Schau mal, hier, mach das doch so … oder: Du mußt den Fächer so halten … oder: Atme hier, nicht dort …“
Gut eingeteilt sein will die Zeit für das Rollenstudium, ist doch das Tempo der Repertoire-Erweiterung für die junge Künstlerin derzeit äußerst rasant. Den Fjodor in Mussorgskijs „Boris Godunow“ für die Staatsopernpremiere im Mai hat sie „im Winter begonnen, also relativ kurzfristig, das ist allerdings eine eher kleine Rolle. Für große Partien muß ich mehr Zeit einplanen, sie studieren, weglegen und wieder zur Hand nehmen.“ So wie den Octavian im „Rosenkavalier“ zum
Beispiel, den sie in der kommenden Saison in Deutschland singen wird: „An dem lernt man drei, vier, fünf, sechs Jahre …“

Erfahren und Erfühlen

Wie sie an eine Partie herangeht, hängt ganz von dieser selbst ab: „Bei kleineren Rollen muß ich mir einen Überblick über das Ganze verschaffen. Wer bin ich, wo bin ich, was passiert?“ Bei einer großen Partie spielt alles zusammen: die Musik, der Text, das Werk als solches. „Über die Art, wie der Text auf die Melodie aufgeteilt ist, kann man sehr viel über den Charakter der Partie erfahren –oder erfühlen. Es ist immer sehr spannend, was man alles entdeckt, wenn man sich länger mit einer Rolle beschäftigt.“ Lied und Oper – für Michaela Selinger profitiert das eine vom anderen. In jedem Fall aber ist Sprache für sie „sehr wesentlich“, wie sie betont. „Die italienischen Rezitative oder Französisch zu singen, das sind ganz eigene Welten. Und über das Lied kann man in der kleineren Form noch viel mehr Nuancen finden, die man in der großen Form nicht immer anbringen kann. Im Liedgesang schwingt dafür vielleicht das Darstellerische mit, und man hat mehr Bewegungsfreiheit auf dem Podium, den direkteren Kontakt zum Publikum.“ So gesehen, meint sie, spürt man durchaus den Hintergrund, den ein Sänger hat.

Erschreckende Nähe – beglückende Momente

Sie selbst fühlt sich wohl, egal ob auf der Opern- oder der Liedbühne. Obwohl: „Wenn ich einige Monate keinen Liederabend gesungen habe, dann ist es manchmal wirklich erschreckend, wie nah das Publikum ist“, lacht sie. „Das Kostüm, das man in der Oper tragen darf, fällt weg. Man muß sich selbst entwerfen, das verrät natürlich auch sehr viel über einen – und man möchte vielleicht gar nicht so viel verraten … Es ist allerdings dieser Flow, den man kriegt, wenn man diesen Punkt überwindet, auch diese Scheu, dort zu stehen und zu singen – diese ganz einfache, schlichte, klare Form. Wenn das gelingt, ist es irrsinnig beglückend.“

Jedes Lied ein Herzensanliegen

Für ihren Liederabend in der Reihe „Lied.Bühne“ hat Michaela Selinger ein Programm zusammengestellt, bei dem ihr jedes einzelne Lied sehr am Herzen liegt. „Corriglianos ,Marvellous Invention‘ ist ein Stück, das man richtig servieren muß.“ Gemeinsam mit Klavierpartnerin Speranza Scappucci, die zugleich auch ihr Italienisch-Coach ist, wird daran noch fleißig „getüftelt“. „Unheimlich gern“ singt Michaela Selinger Hugo Wolf. „Für meine ganze Entwicklung im Liedgesang ist Wolf sehr zentral. Ich habe das ,Italienische Liederbuch‘ gesungen, und da war für mich die Verbindung von Sprachgestus und Musik so stark und logisch, daß mir das auch im Herangehen an andere Lieder sehr geholfen hat.“ Die Lieder Henri Duparcs hat Michaela Selinger erstmals in der Schweiz gehört und sie sich gleich
zu Eigen gemacht. „Das sind einfach ganz wunderbare Lieder. Duparc ist hier gar nicht so bekannt, aber in der Schweiz wird er sehr oft gesungen.“ Michael Mautner kennt sie schon sehr lange und wirkte vor einigen Jahren bei den Aufführungen seiner mehrteiligen Vertonung von Dantes „Divina Commedia (comedia oder commedia?)“ mit. „Er schreibt sehr gut für Stimme, hat ein tolles Sprach-und Zeitgefühl. Michael wird für mich einen Text aus Dantes „Vita Nuova“ vertonen …“ Mautner überließ sie denn auch die Entscheidung, was auf seine Musik folgen sollte: Er wünschte sich Schönbergs „Brettl-Lieder“. Noch etwas liegt Michaela Selinger sehr am Herzen, dem Publikum zu übermitteln: Bitte keine Angst vor Corrigliano und Mautner! Es ist wunderbare Musik – zum Singen genauso wie zum Hören.

Ulrike Lampert